Es ist, als würde man jemandem auf der Straße begegnen, für einen Moment Seite an Seite mit ihm gehen oder ihm im Entgegenkommen ausweichen, ihn aber sofort wieder aus den Augen verlieren, um dem nächsten flüchtigen Eindruck – wenn überhaupt – für den Bruchteil einer Sekunde oberflächliche Beachtung zu schenken – unbedeutsame Geschehnisse, in die periphersten Bereiche unseres Gesichtsfeldes projiziert, weit entfernt vom Fokus unserer tatsächlichen Interessen. Alles erscheint unscharf, verschwommen, schemenhaft. Im besten Fall lassen sich schwache Umrisse ausmachen, die Bilder jedoch setzen sich nicht in unserem Bewusstsein fest. Kurze Sequenzen tauchen auf und werden noch im Entschwinden aus den Augenwinkeln wahrgenommen. Visualisierte Anonymität begleitet den städtischen Spaziergänger auf Schritt und Tritt.

Fotografie widmet sich im Grunde dem bewusst Gesehenen, dem bewusst Erlebten. Eindrücke, die nur Randbereiche unserer Aufmerksamkeit tangieren, werden selten als bedeutsam genug erachtet, um bildhaft festgehalten zu werden. Einzelne Details und die Ästhetik des (rasch) Vergänglichen können zwar durchaus das Interesse des Fotografen wecken, führen dann allerdings über die künstlerische Gestaltung zum Bild, während Eindrücke ohne Erinnerungswert selten zum Gebrauch der Kamera verleiten.

Die Bilder dieser Serie entstanden auf der Straße und in Fußgängerzonen – Sammelstellen flüchtiger Episoden, Orte, an denen sich mehr Zufälliges als Planbares aufspüren lässt. Unerwartete Konstellationen und Ereignisse verbunden mit der der Kamera eigenen Realität werden zum Hauptstilisierungsmittel bei der Abstraktion von Nebensächlichem und Unbewusstem. Der Blick durch den Sucher, ja sogar das Scharfstellen wird vermieden, die Kamera auf eine fixe Entfernung von circa einem Meter ausgerichtet, die Belichtung der Automatik überlassen. Der einzige Moment, in dem der Fotograf eingreift, ist der, wenn er den Verschluss auslöst. Dient in der „präzisen“ Fotografie die Kamera als Werkzeug, so wandelt sie sich hier zum Kollegen, wenn nicht gar zum Komplizen. Alle Gesetze des „richtigen“ Fotografierens werden gebrochen, allein der Faktor Zufall bestimmt das Bild: Zufall ist die Ausrichtung der Kamera, Zufall die Bewegungsrichtung und -geschwindigkeit der Passanten, Zufall die automatische Verschlussgeschwindigkeit. Durch dieses Vorgehen entsteht gänzlich Neues: Wo Ruhe herrscht, findet Bewegung statt. Wo Bewegung anzutreffen ist, wird sie verstärkt, verändert, beschleunigt. Alle hier gezeigten Aufnahmen geben die flüchtige Wirklichkeit selbst und nicht nur Augenblicke flüchtiger Wirklichkeit wieder.

Seit über zwei Jahrzehnten beschäftige ich mich mit konventioneller Schwarz-Weiß-Fotografie, nehme Bedacht auf korrekte Grautonabstufungen und Bildschärfe ohne Wenn und Aber. Exakte manuelle Belichtungsmessung und die Komposition des Bildes auf der Mattscheibe der stativgebundenen Kamera sind für mich nach wie vor der Inbegriff fotografischen Handwerks. Die Bilderserie „Passing by“ setzt hingegen einen deutlichen Kontrapunkt zu meiner bisherigen Art des Fotografierens und kann als radikale Abkehr von allen selbst gestellten Ansprüchen angesehen werden – als Loslösung von der Welt des fokussierten Interesses und des Vorherbestimmbaren, als Eintritt in die Parawelt des Nebensächlichen und scheinbar Uninteressanten. Schwarz-Weiß wird zu Farbe, Schärfe zu Unschärfe, verwischt bis zur Unkenntlichkeit, statische Arbeitsweise zu zufallsbestimmter Dynamik.

Dass die Aufnahmen zustande gekommen sind, erst recht aber die Realisierung einer Ausstellung mit diesen Bildern, geht weit über die Grenzen meiner persönlichen Auffassung von Fotografie hinaus. Ich sehe darin einen Versuch, mit den mir bisher selbst auferlegten Restriktionen zu brechen und neue Möglichkeiten innerhalb der Bandbreite dieser (Extrem-)Bereiche auszuloten.

F.G.Messenbaeck, Fotograf

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