Das Abbilden von Menschen zählt zu denn spannendsten Bereichen der Photographie mit hohen Anforderungen an den Photographen. Im Gegensatz zu Architektur und Still-Leben geht es – noch mehr als in der Landschaftsphotographie – darum, im richtigen Augenblick zu reagieren. Neben formalen Erfordernissen wie Beleuchtung, Bildkomposition und Position im Raum sind es gerade die flüchtigen Erscheinungen und Regungen in Mimik, Gestik und Blicken, die eine Aufnahme, das Portrait, interessant und einzigartig erscheinen lassen.

Im Gegensatz zur flüchtigen Darstellung menschlicher Gesichter wie Schnappschuss und Momentaufnahme setzt das Portrait in klassischer Form ein dialogisches Verhältnis zwischen dem Menschen vor der Kamera und dem Photographen voraus. Verhalten, Vorgang und Ergebnis werden von beiden mitbestimmt. Beide haben unterschiedliche Ambitionen für das Bild. Das Resultat ist eine Balance zwischen der Suche nach der Identität des Portraitierten und den Vorstellungen des Photographen. Durch unterschiedliche Formen der Inszenierung und durch die Führung des Lichtes im Studio bezieht natürlich der Photograph seine eigene Position.

Jede Sitzung beinhaltet einen Lernprozess, sowohl für den Porträtierten, als auch für den Photographen. Letzterer hat über die Platzierung der Kamera, die Distanz zum Subjekt, über den Raum um die Figur und über die Wahl des Objektives zu entscheiden. Gleichzeitig beobachtet er, wie sich sein Gegenüber bewegt, reagiert, und welche Ausdrücke sich in dessen Gesicht widerspiegeln. Das Modell muss lernen, sich mit dem Fotografen und seinem Apparat in Beziehung zu setzen, und mit dem Fotografen durch die Kamera zu kommunizieren. Anders als bei der Indiskretion einer Momentaufnahme eines oft überwältigten oder ertappten Gegenübers ist hier Vertrautheit für den Moment der Sitzung die Basis für ein zufrieden stellendes Resultat.

Portraitphotographie ist visuelle Kommunikation. Nicht nur zwischen Portraitiertem und Photograph sondern auch zwischen resultierendem (Ab-) Bild und Betrachter. Auch bei konzeptionellem Vorgehen zeigen die Bilder flüchtige Augenblicke, manche wie zufällig eingefangen. Der Photograph ist darauf bedacht, etwas zu schaffen, was nicht eine belanglose Reproduktion, ein Werk aus Routine oder Zufall, ist, sondern ein überzeugendes und verständnisvolles Abbild, ein Intimportrait. Es ist nicht sein Ziel, Wahrheit zu enthüllen oder die letzte Schicht zu durchdringen, nur sein Interesse, die Essenz, ein Geheimnis der Persönlichkeit oder des Charakters einzufangen. Für den Betrachter ergibt sich oft die Illusion, in das Privatleben des Porträtierten blicken zu können. Doch auch hier existiert Wahrheit nicht im Singular. Es gibt ebenso viele Wahrheiten, wie es Mikro-Augenblicke gibt, die die Existenz eines Individuums ausmachen. Eine Persönlichkeit ist zu vielschichtig, um sie in einem einzigen Bild festzuhalten.